- Juli 2026: Bitwise veröffentlichte seinen „Q3 2026 Staking Report" und eine Zahl sorgte branchenweit für Aufmerksamkeit: 40,2 Millionen ETH sind gestakt, was 33 % des gesamten ETH-Angebots entspricht – ein neuer Höchststand. Hinter dieser Zahl verbirgt sich einer der tiefgreifendsten strukturellen Umbrüche, die Ethereum seit dem Abschluss von The Merge im Jahr 2022 erlebt hat.
Am 24. Juli 2026 liegt der Kurs von Ethereum (ETH) bei 1.892,63 $, was einem Rückgang von 1,53 % in den letzten 24 Stunden, einem Anstieg von 5,49 % in den vergangenen 7 Tagen und einem Plus von 7,65 % in den letzten 30 Tagen entspricht. Die Marktkapitalisierung beträgt rund 228,407 Milliarden US-Dollar. Trotz eines Preisrückgangs von 50,10 % im Jahresvergleich steigt das Staking-Volumen weiter an. Diese Divergenz ist ein Signal, das einer genaueren Betrachtung bedarf – sie deutet darauf hin, dass sich die zugrunde liegende Logik der ETH-Marktbewertung grundlegend wandeln könnte.
Dieser Artikel beleuchtet Ethereums Entwicklung von einem „gebührengetriebenen" Transaktionsnetzwerk hin zu einer Blockchain-Infrastruktur mit Ertrags- und Sicherheitsmerkmalen und analysiert diesen Wandel entlang von vier Dimensionen: Staking-Volumen, Ertragscharakteristika, institutionelles Verhalten und Wettbewerbssituation.
Was bedeutet es, dass 40,2 Millionen ETH gestakt sind?
Dass 33 % des zirkulierenden Angebots in Staking-Verträgen gebunden sind, ist alles andere als eine Randnotiz. Es zeigt strukturelle Veränderungen auf drei Ebenen.
Erstens wird die Struktur des zirkulierenden Angebots neu geordnet. Mit 40,2 Millionen gebundenen ETH sinkt die Menge an ETH, die am Markt gehandelt werden kann, entsprechend. Bleibt die Nachfrage stabil oder steigt, stützt diese Verknappung des Umlaufs theoretisch den Preis. Es handelt sich hierbei nicht um einen kurzfristigen Liquiditätsengpass, sondern um ein langfristiges Verhalten, das durch Staking-Erträge motiviert ist. Solange die Staking-Renditen im Vergleich zu anderen risikoarmen Anlagen attraktiv bleiben, wird dieser ETH-Anteil nicht so einfach auf den Markt zurückkehren.
Zweitens wird die Netzwerksicherheit signifikant gestärkt. Je mehr ETH gestakt werden, desto höher ist der Anteil an Validatoren, den ein Angreifer kontrollieren müsste – die Kosten für einen Angriff steigen. Eine Staking-Quote von 33 % bedeutet, dass der PoS-Konsens von Ethereum auf einer breiteren ökonomischen Basis ruht und die Netzwerksicherheit gestärkt – nicht geschwächt – wird.
Drittens wird das neue Staking primär von Institutionen getrieben. Der Bitwise-Bericht macht deutlich: Das diesjährige Wachstum beim Staking stammt vor allem von Staking-ETFs, Unternehmenskassen und anderen Großhaltern. Es handelt sich nicht um Privatanleger, sondern um institutionelles Kapital, das systematisch ETH in die Bilanzen aufnimmt. Bitwise betont, dass trotz fallender Preise Institutionen ihre Staking-Positionen weiter ausbauen.
Am 22. Juli warteten rund 2,5 Millionen ETH noch in der Staking-Warteschlange, mit einer erwarteten Wartezeit von über 43 Tagen, während der Ausstieg aus der Warteschlange nur wenige Minuten dauert. Diese deutliche Diskrepanz unterstreicht den einseitigen Trend: Der Wille zu staken überwiegt deutlich gegenüber dem Wunsch, auszusteigen.
Vom „Gasgebühren-Modell" zum „Ertrags-Asset": Die Wertlogik von ETH wird neu geschrieben
Im PoW-Zeitalter war das Bewertungsmodell von ETH relativ einfach: mehr Netzwerkaktivität → höhere Gasgebühren → steigende ETH-Nachfrage → Preis steigt. Der Wert von ETH war an den „Verbrauch" im Netzwerk gekoppelt.
Mit PoS wurde diese Formel grundlegend verändert.
Das neue Bewertungsmodell lässt sich so zusammenfassen: Netzwerkaktivität + Staking-Ertrag + Sicherheitsmerkmal = neuer ETH-Wert.
ETH ist nicht mehr nur ein „verbrannter" Gas-Token, sondern auch ein produktives Asset, das laufende Cashflows generiert. Staker binden ETH und betreiben Validatoren, erhalten Belohnungen aus Netzwerk-Inflation und Transaktionsgebühren. Funktional erinnert dieses Modell an Zinszahlungen von Anleihen oder Dividenden von Aktien in der traditionellen Finanzwelt – wer das Asset hält, erhält periodische Erträge.
Doch diese Analogie ist mit Vorsicht zu genießen. Bitwise betont in seinen Staking-Produkten immer wieder, dass Staking-Erträge keine festen Zinssätze sind, sondern sich nach Protokollregeln, Anzahl der Validatoren, Netzwerkauslastung und weiteren Faktoren richten. Aktuell liegen die annualisierten Staking-Renditen für Ethereum-Validatoren zwischen 3,5 % und 4,2 %. Zum Vergleich: Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen liegt im Juli 2026 bei etwa 4,2 % bis 4,5 %, und die Differenz zwischen beiden verengt sich deutlich.
Diese Verengung ist bemerkenswert. Je kleiner der Abstand zwischen Staking-Rendite und risikofreiem Zins, desto mehr hängt die Attraktivität von ETH als „Ertrags-Asset" von der risikoadjustierten Nettorendite ab – und nicht nur von der Nominalrendite. Das bedeutet, dass ein weiteres Wachstum des Staking-Volumens durch sinkende Erträge natürlich begrenzt wird.
Warum bewerten Institutionen ETH neu?
Der Zufluss institutionellen Kapitals ins Ethereum-Staking ist kein kurzfristiger Trend. Drei belegbare Gründe treiben diese Entwicklung.
Die Reife regulatorisch konformer Infrastruktur ist die Grundvoraussetzung. Am 12. März 2026 brachte BlackRock – der weltweit größte Vermögensverwalter – seinen Staking Ethereum ETF (ETHB) an die Nasdaq und verzeichnete am ersten Tag Zuflüsse von 100 Millionen US-Dollar. Der Fonds stakt 70 % bis 95 % seiner ETH-Bestände über Coinbase Prime und schüttet rund 82 % der Staking-Erträge monatlich an Anleger aus, bei einer annualisierten Rendite von etwa 3,1 %. Die Einführung dieses Produkts markiert den Übergang von institutioneller Staking-Infrastruktur von der Theorie in die Praxis.
Morgan Stanley folgte diesem Beispiel: Am 15. Juli 2026 reichte Morgan Stanley eine aktualisierte S-1-Registrierung für seinen Ethereum ETF (MSSE) ein, ergänzte explizit Staking-Funktionalität, ernannte Coinbase zum Verwahrer und Staking-Partner sowie die New York Mellon Bank zum Co-Verwahrer. Laut Offenlegung plant der Ethereum Trust, unter normalen Bedingungen 50 % bis 80 % seiner ETH-Bestände zu staken.
Die Nachfrage nach passivem Ertrag ist der zweite Treiber. Da das Zinsniveau makroökonomisch weiterhin hoch ist, suchen institutionelle Investoren verstärkt nach digitalen Anlagen mit Cashflow. ETH-Staking bietet 3 % bis 4 % Jahresrendite – nicht vergleichbar mit Hochzinsanleihen, aber innerhalb der Kryptobranche eine niedrigschwellige, regulierte und transparente Ertragsmöglichkeit.
Das diversifizierte Wachstum des Ethereum-Ökosystems ist der dritte Faktor. Laut Bitwise wurden im zweiten Quartal 2026 auf Ethereum 203,9 Millionen Transaktionen verarbeitet, gegenüber 121,1 Millionen im Vorjahr; die Durchsatzrate stieg von 15 auf 26 Transaktionen pro Sekunde, begünstigt durch die Erhöhung des Block-Gas-Limits auf 60 Millionen. Zwar sanken die Netzwerkgebühren in US-Dollar um 51 % auf rund 64 Millionen US-Dollar, doch die Quartalsumsätze in ETH stiegen von 27.670 ETH im ersten auf 31.166 ETH im zweiten Quartal – das erste Quartalswachstum seit über einem Jahr. Die Dynamik „USD runter, ETH rauf" bei den Gebühren zeigt, dass das reale Netzwerk-Wachstum durch den ETH-Kurs überdeckt wird – Institutionen bauen in Phasen schwacher Kurse Staking-Positionen auf.
Ethereums Zukunft: Vom „Blockchain mit den höchsten Gebühren" zur „globalen Finanzinfrastruktur"
Ethereums Wettbewerbsvorteil befindet sich im Wandel.
Die alte Erzählung lautete: „Ethereum ist die Blockchain mit den höchsten Gebührenerträgen" – je stärker das Netzwerk ausgelastet war, desto wertvoller wurde ETH. Doch dieses Narrativ birgt einen Widerspruch: Hohe Gebühren schrecken Nutzer und Entwickler ab.
Jetzt verschiebt sich die Erzählung in Richtung „Ethereum als globale, offene Finanzinfrastruktur" – der Fokus liegt nicht mehr darauf, die höchsten Gebühren von Nutzern zu verlangen, sondern das größte Vermögensvolumen und die breiteste Anwendungsvielfalt zu ermöglichen. Bitwise betont, dass sinkende Netzwerkgebühren kein Zeichen nachlassender Nachfrage sind, sondern auf eine bewusste Protokollgestaltung zurückgehen, die Blockspace günstiger und den Durchsatz höher macht.
In diesem neuen Narrativ stützt sich der Wert von ETH auf drei Säulen:
On-Chain Real World Assets (RWA). Während traditionelle Finanzinstitute Staatsanleihen, Kredite, Private Equity und andere Vermögenswerte auf die Blockchain bringen, wird Ethereum als ausgereifteste Smart-Contract-Plattform zur zentralen Infrastruktur dieses Trends.
Stetige DeFi-Expansion. Unabhängig von Marktzyklen haben dezentralisierte Kreditvergabe, Handel und Stablecoin-Emission im Ethereum-Ökosystem unverzichtbare Netzwerkeffekte erzeugt.
Layer-2-Skalierung. Während das Ethereum-Mainnnet sich zur Abwicklungsschicht entwickelt, spiegelt die Wertschöpfung zunehmend die Settlement-Nachfrage der L2-Netzwerke wider – und nicht mehr die Gasgebühren einzelner Transaktionen.
Bemerkenswert ist, dass institutionelles Staking selbst die Sicherheit und Stabilität von Ethereum stärkt – mehr gestakte ETH bedeuten höhere Angriffskosten und eine robustere Konsensbasis, was wiederum institutionelle Bedenken bei der Bereitstellung größerer Vermögenswerte auf Ethereum verringert. Es entsteht ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf.
Fazit
40,2 Millionen gestakte ETH, das sind 33 % des zirkulierenden Angebots – diese Zahl spricht für sich. Ethereum wandelt sich von einem Netzwerk, dessen Wert auf Transaktionsgebühren basierte, zu einem digitalen Asset, das Ertrag, Sicherheit und institutionellen Allokationswert vereint.
Dieser Wandel geschieht nicht über Nacht. Er hängt ab von der technischen Reife des PoS-Konsenses, dem Ausbau regulatorisch konformer Verwahrungsinfrastruktur und Innovationen wie ETFs. Die Strategien von Bitwise, BlackRock und Morgan Stanley zeigen, dass dieser Wandel an Fahrt aufnimmt.
Natürlich ist dieser Prozess nicht risikofrei. Sinkende Staking-Erträge, ETH-Kursschwankungen und regulatorische Unsicherheiten bleiben zu beobachten. Doch die Richtung ist klar: Die Wertlogik von ETH hat sich von „wird als Gas verbraucht" zu „wird als Asset gehalten" erweitert. Für Marktteilnehmer ist es wichtiger, diesen Wandel zu verstehen, als den nächsten Bullenmarkt zu prognostizieren.
FAQ
F1: Wie hoch ist die aktuelle Staking-Rendite für Ethereum?
Aktuell liegt die annualisierte Staking-Rendite für Ethereum-Validatoren bei etwa 3,5 % bis 4,2 %. Diese Rendite ist nicht fest, sondern schwankt je nach Gesamtzahl der Validatoren, Netzwerkgebühren, MEV-Einnahmen und weiteren Faktoren.
F2: Welche Auswirkungen hat das Staking von 40,2 Millionen ETH auf den Marktpreis?
Wenn 33 % des zirkulierenden Angebots in Staking-Verträgen gebunden sind, sinkt die Menge an ETH, die am Sekundärmarkt gehandelt werden kann. Bleibt die Nachfrage stabil oder steigt, stützt diese Verknappung theoretisch den Preis. Allerdings bestimmt Staking allein nicht den Kurs – das Marktgeschehen wird weiterhin von makroökonomischen und branchenspezifischen Faktoren geprägt.
F3: Warum staken Institutionen ETH, obwohl die Preise fallen?
Institutionen staken ETH aus drei Hauptgründen: um jährliche Erträge von 3 % bis 4 % zu erzielen; um über regulierte, transparente Kanäle wie die Staking-ETFs von BlackRock, Morgan Stanley und anderen teilzunehmen; und weil sie langfristigen Wert in Ethereum als Basisinfrastruktur für RWA und DeFi sehen.
F4: Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen ETH-Staking und dem Kauf von Anleihen oder Aktien?
ETH-Staking-Erträge sind keine festen Zinssätze, sondern schwanken mit den Netzwerkbedingungen. Zudem ist die Kursvolatilität von ETH deutlich höher als bei traditionellen Finanzanlagen, und Staking-Erträge können das Kapitalrisiko nicht absichern. Daher ist ETH-Staking eher als „Floating Yield Asset" und nicht als Ersatz für Anleihen zu betrachten.
F5: Wie viel Wachstumspotenzial hat das Ethereum-Staking noch?
Am 22. Juli warteten rund 2,5 Millionen ETH in der Staking-Warteschlange, mit Wartezeiten von über 43 Tagen. Im Vergleich zu anderen PoS-Netzwerken: Bei Solana liegt die Staking-Quote bei 68 %, während Ethereum mit 33 % theoretisch noch Luft nach oben hat. Allerdings sinken mit steigendem Staking-Volumen die Renditen – ein natürlicher ökonomischer Bremsfaktor für weiteres Wachstum.




