Ethereum „De-Execution" beschleunigt: L2s als institutionelle Abwicklungsebene, doch zentrale Infrastruktur bleibt unterbewertet

Aktualisiert: 22.04.2026 07:04

Im April 2026 wurde Ethereum (ETH) zu 2.361,86 $ gehandelt, ein Plus von 2,28 % innerhalb von 24 Stunden, mit einer gesamten Marktkapitalisierung von etwa 275,69 Milliarden $ und einem Marktanteil von 10,41 %. Im Verlauf des vergangenen Jahres stieg der ETH-Kurs um rund 41,53 % – von etwa 1.691 $ auf das aktuelle Niveau. Die Zulassung von Spot-ETH-ETFs und anhaltende Zuflüsse institutioneller Investoren lieferten die fundamentale Basis für dieses Wachstum. In den letzten 24 Stunden betrug das Handelsvolumen rund 267 Millionen $, wobei das Tageshoch bei 2.379,03 $ und das Tagestief bei 2.284,54 $ lag.

Doch hinter diesen Kursbewegungen verbirgt sich ein tiefgreifender struktureller Wandel: Das Ethereum-Mainnet befindet sich in einer Phase der „De-Execution". Anfang 2026 wurden bereits über 95 % der Transaktionsausführung im Ethereum-Ökosystem auf Layer-2-Netzwerke ausgelagert, wodurch das Mainnet offiziell zur „globalen Abwicklungsschicht" wurde. Das Marktverständnis für diesen funktionalen Wandel hinkt jedoch hinterher. Während globale Finanzriesen wie BlackRock, JPMorgan und Goldman Sachs allmählich Billionenwerte auf Layer-2-Netzwerke wie Base und Arbitrum verschieben, konzentrieren sich die Mainstream-Narrative weiterhin auf ETH-Kurs und Gasgebühreneinnahmen, anstatt die eigentliche Schlüsselfrage zu adressieren: Warum ist der Abwicklungsinfrastrukturwert von L2s so stark unterbewertet?

Institutionelle Migrationswelle: L2 wird zur neuen Abwicklungsschicht für Kapitalkonzerne

Seit Ende 2025 haben eine Reihe von Meilenstein-Ereignissen Layer-2-Netzwerke ins Zentrum der institutionellen Finanzwelt gerückt.

Im Dezember 2025 verlagerte JPMorgan seinen Einlagentoken JPMD aus einem internen Testnetz auf Base (ein von Coinbase betriebenes Ethereum-L2) – das erste Mal, dass ein systemrelevantes Institut reale Bankeinlagen in ein öffentliches Blockchain-Abwicklungssystem einbrachte. Mastercard, Coinbase und B2C2 gehörten zu den ersten institutionellen Partnern, die an Echtzeittransaktionen teilnahmen.

BlackRock wiederum hat seinen Flaggschiff-Fonds für tokenisierte Geldmarktprodukte, BUIDL (mit Assets von rund 2,52 Milliarden $), auf mehrere L2s wie Arbitrum, Polygon und Optimism ausgeweitet. Im Februar 2026 ermöglichte BUIDL zudem den On-Chain-Handel über UniswapX, wobei BlackRock strategisch in UNI-Token investierte – das erste Mal, dass ein traditioneller Vermögensverwalter einen DeFi-Governance-Token in seiner Bilanz hält.

Im Februar 2026 gab Arbitrum eine Partnerschaft mit Goldman Sachs bekannt, um gemeinsam institutionelle Blockchain-Abwicklungslösungen zu entwickeln und die institutionelle Strategie von Arbitrum auf ein neues Level zu heben.

Parallel dazu starteten Citibank, Vantage Bank und Custodia Bank durch Banken gedeckte, tokenisierte USD-Einlageprodukte auf Ethereum und Layer-2-Netzwerken. Custodia-Bank-Gründerin und CEO Caitlin Long erklärte in einem Interview, dass sie sich für Ethereum entschieden hätten, weil es „die am stärksten erprobte Plattform für Smart Contracts" sei und der Grad der Dezentralisierung ein entscheidender Risikofaktor für Banken sei.

Diese Ereignisse sind keine Einzelfälle. Zusammengenommen signalisieren sie einen klaren Trend: Institutionen verlagern ihre Wahl der Blockchain-Abwicklungsinfrastruktur systematisch vom Mainnet auf Layer 2.

Zeitstrahl der Infrastruktur-Upgrades: Die Entwicklung von Dencun bis BPO2

Technischer Ausgangspunkt: Dencun ebnet den Weg für niedrige Kosten

Das explosive Wachstum des Ethereum-L2-Ökosystems begann mit dem Dencun-Upgrade im März 2024. Dieses Upgrade führte EIP-4844 (Proto-Danksharding) ein, wodurch eine eigene Data-Availability-Schicht („Blob Space") für Rollups geschaffen und die Kosten für die Datenveröffentlichung auf L2 um etwa 99 % gesenkt wurden. Dadurch stieg das tägliche Transaktionsvolumen auf L2s auf ein Vielfaches der L1-Aktivität.

Am 07. Januar 2026 implementierte Ethereum das BPO2-Upgrade bei Epoche 419.072, wodurch das Blob-Limit pro Block von 10 auf 14 und das maximale Blob-Kontingent von 15 auf 21 angehoben wurde. Das erhöhte die Datenkapazität um rund 40 % und senkte die Abwicklungskosten auf L2 weiter.

Zeitstrahl der wichtigsten institutionellen Einstiege

Nachfolgend eine chronologische Übersicht bedeutender institutioneller Aktivitäten auf Ethereum-L2:

Datum Institution Ereignis
Mär 2024 Ethereum-Netzwerk Dencun-Upgrade führt EIP-4844 ein, L2-Gebühren sinken um ~99 %
Dez 2025 JPMorgan JPMD-Einlagentoken geht auf Base für Echtzeitbetrieb live
Jan 2026 Ethereum-Netzwerk BPO2-Upgrade erhöht Blob-Kapazität um 40 %
Jan 2026 BlackRock, JPMorgan, Fidelity u.a. 35 führende Finanzinstitute starten tokenisierte Produkte auf Ethereum und L2
Feb 2026 BlackRock BUIDL-Fonds ermöglicht On-Chain-Handel via UniswapX; BlackRock erwirbt UNI-Token
Feb 2026 Goldman Sachs Partnerschaft mit Arbitrum zur Entwicklung von Blockchain-Abwicklungslösungen
Mär 2026 Arbitrum Veröffentlichung des Transparenzberichts 2025; TVL erreicht 20 Milliarden $

Strukturelle Divergenz zwischen Netzwerkaktivität und Kursentwicklung

Bemerkenswert: Die On-Chain-Aktivität auf Ethereum erreichte im 1. Quartal 2026 neue Rekordwerte. Im Q1 lag das Transaktionsvolumen auf der Basisschicht bei über 200 Millionen, ein Plus von 43 % gegenüber dem Vorjahr, hauptsächlich getrieben durch L2s wie Base und Arbitrum, die Transaktionen für die Abwicklung auf dem Mainnet bündeln. Gleichzeitig lag der ETH-Kurs rund 60 % unter dem Allzeithoch von 4.946,05 $.

Der Hauptgrund für diese Divergenz: L2s zahlen nur minimale Abwicklungskosten an L1, während der Großteil des ökonomischen Werts auf der Ausführungsschicht (L2) und nicht auf der Abwicklungsschicht (L1) verbleibt. Das traditionelle „Gas Fee Pricing"-Modell ist damit überholt, und der Wertanker von ETH muss sich von den Gebühreneinnahmen hin zur „monetären Prämie als globale Abwicklungsschicht" verschieben – ein Wandel, den der Markt noch nicht vollständig nachvollzogen hat.

On-Chain-Daten: L2-Einnahmen überholen Mainnet, Duopol-Struktur entsteht

TVL dominiert absolut

Im März 2026 lag der TVL des Ethereum-Mainnets bei rund 52,4 Milliarden $ und machte damit 57 % des gesamten Blockchain-TVL aus. Werden L2s wie Base, Arbitrum, Polygon und Optimism einbezogen, steigt der Anteil auf 65 %. Zum Vergleich: Solana kam auf einen TVL von 6,4 Milliarden $, die BNB Chain auf 5,5 Milliarden $.

Innerhalb des L2-Ökosystems hat sich ein stark konzentriertes „Duopol" herausgebildet: Base hält etwa 46,6 % des L2-DeFi-TVL, Arbitrum mehr als 31 %. Zusammen kontrollieren sie über 75 % des gesamten auf L2 gebundenen Kapitals. Der TVL von Base erreichte 2025 einen Höchststand von rund 5,6 Milliarden $ und lag im März 2026 bei etwa 4,2 Milliarden $, ein Anstieg von 49,5 % im Jahresvergleich. Der Transparenzbericht 2025 von Arbitrum wies einen Ökosystem-TVL von 20 Milliarden $, ein kumuliertes Transaktionsvolumen von 2,1 Milliarden und eine Netzwerkverfügbarkeit von über 99,8 % aus.

L2-Einnahmen übertreffen das Mainnet

Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung der Protokolleinnahmen: Daten aus April 2026 zeigen, dass Base in den letzten 30 Tagen etwa das Dreifache des Protokollumsatzes des Ethereum-Mainnets generierte. Im gleichen Zeitraum erzielte das Mainnet rund 10,3 Millionen $ an Transaktionsgebühren und lag damit hinter Tron und Solana.

Dieser Trend bestätigt den strukturellen Wandel: Die Skalierung und institutionelle Nutzung von L2s befinden sich in einer sich selbst verstärkenden Aufwärtsspirale – niedrigere Kosten ziehen mehr Nutzer an, mehr Nutzer führen zu höheren Einnahmen, steigende Einnahmen locken qualitativ bessere Anwendungen und Liquidität, was wiederum weiteres institutionelles Kapital anzieht.

Kapital wandert strukturell vom Mainnet zu L2

On-Chain-Daten zu aktiven Adressen zeigen: Im April 2026 hatte Ethereum über 788.000 täglich aktive Adressen, und die Zahl der Smart-Contract-Aufrufe überschritt 40 Millionen. Das Wachstum aktiver Adressen findet jedoch primär auf L2 statt. Die April-2026-Analyse von Gate Research stellt fest, dass Base und Polygon im Februar ihre Basis aktiver Adressen weiter ausbauen konnten, während Arbitrum zwar eine Aktivitätserholung, aber keine starke Nutzerbindung verzeichnete. Das Ethereum-Mainnet hat seine Rolle als Abwicklungsschicht beibehalten.

Es ist plausibel, dass institutionelles Kapital nach dem Prinzip „Modelle im günstigen L2-Umfeld validieren und dann skalieren" vorgeht und die L2-Infrastruktur inzwischen ausgereift genug ist, um diese Migration im großen Stil zu ermöglichen.

Branchensicht: Oligopolbildung und Debatte um ETH-Wertabschöpfung

Ethereum-L2 als „Execution Layer Gateway" für institutionelle Finanzwelt

In einer Analyse vom April 2026 argumentierte Real-Vision-CEO Raoul Pal, dass Ethereum in den kommenden 12 bis 18 Monaten zur zentralen Infrastruktur des Bankensystems avancieren wird und führende Institute Funktionen wie Clearing, Verwahrung und Abwicklung auf das Ethereum-Netzwerk migrieren. Das L2-Ökosystem gilt als Haupttreiber dieses Wandels, da Rollup-Lösungen hohe Durchsatzraten und niedrige Kosten bieten, während sie die Sicherheitsgarantien von Ethereum übernehmen.

Diese Sichtweise wird durch institutionelles Handeln gestützt: Über 30 Banken – darunter Bank of America, Citi, TD Bank und Wells Fargo – arbeiten mit SWIFT an einer auf Ethereum basierenden Plattform für grenzüberschreitende Transaktionen. Bis Chatterjee, Global Head of Partnerships and Innovation bei Citi, betonte, dass die „Standardisierung" von Ethereum Systemskalierbarkeit und flexible Anbindung an externe Systeme ermögliche.

L2-Markt konzentriert sich zum Oligopol

Ein Research-Bericht von 21Shares Ende 2025 prognostizierte, dass die meisten Ethereum-L2s das Jahr 2026 nicht überleben werden und Base, Arbitrum sowie Optimism den Markt dominieren. Kleinere Rollups werden aufgrund sinkender Nutzung zu „Zombie Chains". Diese Prognose bestätigt sich nun in den Daten: Base und Arbitrum vereinen über 75 % des L2-TVL auf sich und wickeln nahezu 90 % der L2-Transaktionen ab.

L2s verwässern die Wertabschöpfung von ETH

Der Themenausblick 2026 von BlackRock positioniert Ethereum als zentrale Finanzinfrastruktur, weist aber auch darauf hin, dass L2s wie Arbitrum und Base zwar unter Ethereums Sicherheitsgarantie abwickeln, jedoch nur minimale Gebühren ans Mainnet zahlen und so die Einnahmen von ETH potenziell verwässern.

Kern der Debatte ist die Entwicklung des ETH-Bewertungsmodells: Während L1 die Ausführungserlöse an L2 abgibt, verschiebt sich die Wertstütze von ETH von „Fee Burn" zu „Settlement Finality" – also globale, zensurresistente Garantien. L2s bieten Effizienz, können aber keine L1-Finalität und Zensurresistenz gewährleisten. Billionen an institutionellen Assets werden nicht auf Chains deployt, bei denen ein einzelner Sequencer Transaktionen einfrieren oder zurücksetzen kann. Das Hauptprodukt von L1 sind nicht niedrige Gebühren, sondern Sicherheit und Endgültigkeit.

Weitreichende Auswirkungen: Abwicklungseffizienz, Liquiditätsstruktur und Marktanteile im Wandel

Die institutionelle Nutzung von L2-Abwicklungsinfrastruktur zeigt nachweisbare Effekte in drei Dimensionen:

Abwicklungseffizienz. Die Integration von BlackRocks tokenisierten Assets mit L2s hat die institutionellen Abwicklungszeiten von T+2 Tagen auf wenige Sekunden verkürzt – bei gleichzeitiger Beibehaltung von Whitelist-Zugriffskontrollen im Rahmen regulatorischer Vorgaben.

Liquiditätsstruktur. Laut Circle entfielen im März 2026 bereits 35 % aller USDC-Stablecoin-Transfers auf L2s – mehr als eine Vervierfachung gegenüber 8 % zu Jahresbeginn 2024. Das signalisiert eine strukturelle Verlagerung der Nutzeraktivität vom Mainnet auf L2.

Marktanteil. Das kombinierte Ethereum- und L2-Ökosystem hält 65 % Marktanteil am Blockchain-TVL und kommt im Bereich tokenisierter Real-World-Assets (RWA) auf 68 %.

Folgende Auswirkungen sind auf Basis aktueller Trends realistisch prognostizierbar:

  • L2s dürften sich von der heutigen „Execution Layer" zur „Bridging Layer" entwickeln, die klassische Finanzwelt und On-Chain-Finanzmärkte verbindet. BlackRocks BUIDL mit Handel über UniswapX ist ein Paradebeispiel – traditionelle, renditebasierte Assets interagieren nahtlos mit DeFi-Liquiditätspools auf L2.
  • Das Duopol von Base und Arbitrum könnte sich weiter verfestigen. Der 21Shares-Bericht erwartet eine weitere Marktkonzentration auf drei Netzwerke – Base, Arbitrum und Optimism. Sobald Netzwerkeffekte greifen, steigen die Eintrittsbarrieren für neue Anbieter exponentiell.
  • Die Reife des L2-Ökosystems wird das Wertabschöpfungsmodell des Ethereum-Mainnets weiterentwickeln. Die aktuelle Blob-Marktpreisbildung führt dazu, dass L2s nur minimale Abwicklungskosten zahlen. Wie L1 einen fairen Anteil am Abwicklungswert sichern und gleichzeitig den Kostenvorteil von L2 wahren kann, ist eine zentrale Governance-Frage für die Ethereum-Community.

Setzen sich die aktuellen Trends fort, könnte das Gesamtvolumen institutioneller Produkte (darunter Einlagentoken, tokenisierte Staatsanleihen und Geldmarktfonds) auf L2s bis Ende 2026 in den dreistelligen Milliardenbereich wachsen. Diese Prognose basiert auf der Tatsache, dass allein JPMorgan über Einlagen von 2.406 Milliarden $ verfügt; selbst ein kleiner Teil davon auf L2 würde den aktuellen On-Chain-RWA-Markt, der sich bislang im zweistelligen Milliardenbereich bewegt, um ein Vielfaches übertreffen.

Fazit

Die institutionelle Nutzung von Ethereum Layer 2 ist längst keine theoretische Entwicklung mehr, sondern eine fortschreitende strukturelle Realität. Von der tiefen Integration des BUIDL-Fonds von BlackRock auf Arbitrum, über die Echtzeitabwicklung von JPMD auf Base durch JPMorgan, bis hin zur Partnerschaft von Goldman Sachs mit Arbitrum – L2-Abwicklungsinfrastruktur wird zum zentralen Knotenpunkt, der globales Finanzkapital mit nativer Blockchain-Liquidität verbindet.

Doch die Bewertungslogik des Marktes spiegelt diesen Wandel bislang kaum wider. Mit L2-Einnahmen, die das Mainnet übertreffen, 75 % des L2-TVL konzentriert auf Base und Arbitrum und 35 % der Stablecoin-Transfers bereits auf L2 migriert, steht die Neubewertung der L2-Abwicklungsinfrastruktur erst am Anfang. Wer die langfristige Entwicklung der Kryptobranche im Blick hat, sollte das tieferliegende Motiv institutioneller Akteure, L2 dem Mainnet vorzuziehen, verstehen – denn darin könnte der Schlüssel für die nächste Welle der Wertmigration liegen.

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