Am 09. Juli 2026 stand das in Hongkong gelistete KI-Großmodell-Unternehmen MINIMAX (00100.HK) vor seiner ersten großen Aktienfreigabe nach dem Börsengang. Die Aktie eröffnete bei 359,8 HKD, stieg im Tagesverlauf auf 397,4 HKD, drehte dann jedoch abrupt und schloss bei 297,4 HKD – ein Tagesverlust von 17,98 %. Am 10. Juli setzte sich der Abwärtstrend fort, der Kurs fiel auf etwa 268 HKD. Innerhalb von zwei Handelstagen sackte die Aktie vom Tageshoch bei 397 HKD auf das Niveau um 268 HKD ab – ein Rückgang von über 30 %. Welche strukturellen Veränderungen hat dieses Unlock-Ereignis ausgelöst? Was beunruhigt die Investoren? Und wie sollte man die weitere Kursentwicklung einschätzen?
Wie Umfang und Angebotsschock die Free-Float-Struktur neu ordnen
Das Ausmaß der freigegebenen MINIMAX-Aktien ist unter Hongkonger Technologiewerten äußerst ungewöhnlich. Am 09. Juli wurden rund 44,85 % der Aktien (fast 146 Millionen Stück) auf einen Schlag entsperrt, wodurch der Free-Float-Anteil von unter 6 % auf etwa 50 % anstieg. Das Angebot verzehnfachte sich an nur einem Tag. Vor dem Unlock war der tatsächlich verfügbare Free Float von MINIMAX sehr begrenzt, die Aktien lagen überwiegend bei gesperrten Altaktionären. Schon der Verkauf eines kleinen Teils der entsperrten Aktien konnte daher den Kurs erheblich beeinflussen. Am Tag der Freigabe wurden 20.944.000 MINIMAX-Aktien gehandelt – fast das Sechsfache des Vortagesvolumens. Die hohe Umschlagshäufigkeit signalisiert eine grundlegende Umstrukturierung der bisherigen Aktionärsstruktur.
Woher rührt die Diskrepanz zwischen gemeldeten Beständen und tatsächlichem Verkaufsdruck?
Vor dem Unlock hatten über 80 % der Pre-IPO- und Cornerstone-Investoren öffentlich ihr langfristiges Engagement und ihre Halteabsicht betont, darunter Alibaba, miHoYo, IDG, Aspex, Boyu, China Life und andere institutionelle Anleger. Dennoch besteht eine strukturelle Lücke zwischen den offiziell gehaltenen und tatsächlich verkaufsfähigen Aktien. Das Gründungsteam und Schlüsselmitarbeiter unterliegen einer freiwilligen 12-monatigen Haltefrist und waren von dieser Freigabe nicht betroffen; auch die Kernbeteiligung von miHoYo bleibt länger gesperrt. Die tatsächlichen Verkäufer in dieser Runde sind vor allem Pre-IPO- und Cornerstone-Investoren, deren sechsmonatige Lock-up-Periode abgelaufen ist. Besonders relevant: Der Aktionärskreis von MINIMAX besteht zu einem hohen Anteil aus Finanzinvestoren (PE/VC), deren Einstiegskurse sehr niedrig und die Buchgewinne entsprechend hoch sind – ein starker Anreiz, im Unlock-Fenster Gewinne zu realisieren. Die Vielfalt der gemeldeten Halter kann den Verkaufsdruck durch tatsächlich verfügbare Aktien daher nicht vollständig kompensieren.
Was offenbart die Kursentwicklung im Vergleich zu Zhipu AI über die Marktlogik?
MINIMAX und Zhipu AI gingen nahezu zeitgleich in Hongkong an die Börse, doch am Tag der Aktienfreigabe verliefen die Kurse diametral: Zhipu legte am ersten Unlock-Tag (08. Juli) um 13,35 % zu und stieg am Folgetag um weitere 11,34 %. MINIMAX hingegen verlor am Unlock-Tag fast 18 %. Dieser Unterschied ist nicht allein durch die Unlock-Quote erklärbar – Zhipu gab rund 5,76 % frei, MINIMAX etwa 44,85 %. Ausschlaggebend ist vielmehr die Neubewertung unterschiedlicher KI-Geschäftsmodelle durch den Markt. Zhipu ist eng mit Basismodellen, inländischer Rechenleistung und Entwicklerplattformen verbunden und kann im aktuellen Umfeld eine Bewertungsprämie erzielen. MINIMAX punktet bei multimodalen Modellen, Konsumentenprodukten und internationalem Wachstum, doch bleibt abzuwarten, ob sich diese Vorteile in Agenten-Ökosystemen, Entwickler-Communities und stabilen Umsätzen niederschlagen. Die Marktkapitalisierung hat sich vom IPO-Vorsprung MINIMAX’ inzwischen zu einem Verhältnis von etwa eins zu zehn zugunsten Zhipu verschoben – ein Ausdruck veränderter Kapitalpräferenzen zwischen zwei technologischen Ansätzen.
Reichen Modellkompetenz und Kommerzialisierung zur Untermauerung der aktuellen Bewertung?
Mit dem Kursverfall rücken auch die Fundamentaldaten von MINIMAX stärker in den Fokus. Für 2025 meldete das Unternehmen einen Umsatz von etwa 79,04 Millionen USD – ein Plus von 159 % gegenüber dem Vorjahr –, jedoch einen bereinigten Nettoverlust von 250 Millionen USD; die F&E-Ausgaben lagen bei über 70 % des Umsatzes. Die Bruttomarge im Endkundengeschäft betrug lediglich 4,7 %; die B2B-Open-Plattform erzielte zwar rund 70 % Bruttomarge, ist aber noch von geringer Größe. Beim Modellranking schnitt das im Juni vorgestellte M3-Modell in Drittanbieter-Bewertungen nur mäßig ab, und bereits eine Woche nach dem Launch wurde eine dauerhafte Reduzierung der API-Preise um 50 % angekündigt. JPMorgan senkte nach der M3-Veröffentlichung das Rating von „Overweight" auf „Neutral" und das Kursziel von 1.100 HKD auf 400 HKD, am 08. Juli dann weiter auf 300 HKD, mit Verweis auf das „Ausbleiben eines neuen inländischen SOTA-Modells, reine Modellfähigkeiten holen noch auf". Konkurrent Zhipu hingegen hat die API-Preise mehrfach – insgesamt um mehr als 80 % – angehoben, während die Nutzung sich vervierfacht hat. Die unterschiedliche Marktakzeptanz der Modellfähigkeiten schlägt direkt auf das Investorenvertrauen und die Bewertung durch.
Welches Signal senden die Finanzierungsmaßnahmen nach dem Unlock?
Unmittelbar nach Handelsschluss am Unlock-Tag startete MINIMAX eine neue Finanzierungsrunde: Geplant ist die Platzierung von 30 Millionen neuen Aktien zu einem Festpreis von 268 HKD pro Aktie, was einem Abschlag von 9,9 % auf den Schlusskurs vom 09. Juli (297,4 HKD) entspricht. Parallel dazu wurden Nullkupon-Wandelanleihen im Volumen von 6,5 Milliarden HKD mit Fälligkeit 2027 und einem Wandlungspremium von 25 % begeben. Die Transaktion wird von Morgan Stanley und UBS begleitet. Die Durchführung einer Kapitalmaßnahme, während der Verkaufsdruck aus dem Unlock noch nicht abgebaut ist, unterstreicht den akuten Kapitalbedarf – das Training und die Inferenz großer KI-Modelle erfordern erhebliche Infrastrukturinvestitionen. Die rabattierte Aktienplatzierung erhöht den Druck auf den Sekundärmarkt zusätzlich. Die Wandelanleihe bietet zwar eine vergleichsweise günstige Finanzierungsquelle, doch die Wandlungsbelastung nach Fälligkeit 2027 bleibt ein Risiko. Das Finanzierungspaket dient als Abwehrmaßnahme zur Stärkung der Liquidität inmitten der Unlock-Turbulenzen, signalisiert dem Markt aber auch einen angespannten Cashflow.
Wie wirken sich divergierende Ratings und potenzielle Katalysatoren aus?
Die Analysten sind in ihrer Bewertung von MINIMAX uneins. Goldman Sachs bestätigte in der ersten Juliwoche das „Buy"-Rating mit einem Kursziel von 860 HKD und verwies auf die selbst entwickelte, optimierte Rechenleistung des M3 sowie eine im Branchenvergleich hohe Bruttomarge. Auch BofA Securities hält an „Buy" mit Kursziel 500 HKD fest und sieht eine mögliche Aufnahme in den Stock Connect am 06. August als Impuls für die Liquidität. Citi hingegen senkte das Kursziel am 06. Juli auf 533 HKD und verwies auf die verhaltene Marktresonanz auf M3, kurzfristig negative Stimmung und Unsicherheit bei der Monetarisierung als Belastungsfaktoren. Als potenzielle Katalysatoren bleibt das Management von MINIMAX zuversichtlich, bis Ende 2026 ein jährliches wiederkehrendes Umsatzvolumen (ARR) von 1 Milliarde USD zu erreichen; der Launch eines Next-Gen-Video-Modells könnte ein entscheidender Stimmungsumschwung sein; zudem wurde mit CITIC Securities eine Beratungsvereinbarung für einen Börsengang am Sci-Tech Innovation Board unterzeichnet, womit der „A+H"-Doppelbörsenplan angestoßen ist. Zeitpunkt und Wirkung dieser Katalysatoren sind jedoch weiterhin unsicher.
Fazit
Die heftigen Kursschwankungen von MINIMAX am 09. und 10. Juli waren das Resultat einer massiven Unlock-Welle, struktureller Unterschiede im Aktionariat, Zweifeln an der Modellkompetenz und akutem Finanzierungsbedarf. Der Markt bewertete die KI-Aktie in nur zwei Handelstagen von 397 HKD auf 268 HKD neu. Kurzfristig ist der Angebotsschock aus dem Unlock noch nicht vollständig verdaut, rabattierte Aktienplatzierungen und die Ausgabe von Wandelanleihen erhöhen den Angebotsdruck zusätzlich. Mittelfristig hängt die Erholung der Bewertung von MINIMAX an drei zentralen Variablen: Ob substanzielle Fortschritte bei den Modellfähigkeiten die Marktakzeptanz zurückgewinnen, ob die B2B-Kommerzialisierung beschleunigt und das Ziel von 1 Milliarde USD ARR erreicht wird und ob die Aufnahme in den Stock Connect frisches Kapital anzieht. Die aktuelle Spaltung der Analystenmeinungen zeigt, dass der Markt sich bei der Bewertung von MINIMAX noch nicht einig ist – genau diese Divergenz bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor für die Zukunft.
FAQ
F1: Wie viele Aktien hat MINIMAX am 09. Juli entsperrt?
Am 09. Juli erfolgte bei MINIMAX die erste große Aktienfreigabe nach dem Börsengang: Rund 44,85 % der Aktien (fast 146 Millionen Stück) wurden entsperrt, der Free-Float-Anteil stieg von unter 6 % auf etwa 50 %.
F2: Warum gab es so große Unterschiede zwischen der Kursentwicklung von MINIMAX und Zhipu AI am Unlock-Tag?
Die Unlock-Quoten unterschieden sich deutlich – bei MINIMAX etwa 44,85 %, bei Zhipu rund 5,76 %. Zudem ist die Aktionärsstruktur verschieden: Bei Zhipu halten vor allem staatlich unterstützte Cornerstone-Investoren die entsperrten Aktien und haben wenig Verkaufsanreiz, während bei MINIMAX viele Finanzinvestoren (PE/VC) mit starkem Exit-Interesse engagiert sind. Auch die unterschiedliche Marktpräferenz für die jeweiligen KI-Geschäftsmodelle spielt eine zentrale Rolle.
F3: Welche Finanzierungsmaßnahmen hat MINIMAX nach dem Unlock ergriffen?
Nach Handelsschluss am 09. Juli plante MINIMAX die Platzierung von 30 Millionen neuen Aktien zu 268 HKD pro Stück (9,9 % Abschlag zum Schlusskurs) sowie die Ausgabe von Nullkupon-Wandelanleihen über 6,5 Milliarden HKD mit Fälligkeit 2027 und einem Wandlungspremium von 25 %.
F4: Wie lauten die aktuellen Analystenratings für MINIMAX?
Die Analystenmeinungen sind geteilt: Goldman Sachs hält an „Buy" mit Kursziel 860 HKD fest; BofA Securities ebenfalls „Buy", Kursziel 500 HKD; JPMorgan hat das Kursziel von 400 auf 300 HKD gesenkt und stuft auf „Neutral" herab; Citi reduzierte das Kursziel auf 533 HKD.
F5: Welche zentralen Katalysatoren sind für MINIMAX künftig zu beobachten?
Wichtige Faktoren sind: der Launch eines Next-Gen-Video-Modells, eine mögliche Aufnahme in den Stock Connect im August zur Steigerung der Liquidität, Fortschritte beim Ziel von 1 Milliarde USD ARR bis Ende 2026 sowie die Umsetzung des „A+H"-Doppelbörsenplans.




