Im November setzte der Kryptoventure-Capital-Markt seine schwache Entwicklung fort. Laut RootData wurden im Monatsverlauf lediglich 57 Finanzierungsrunden bekanntgegeben, was einen der niedrigsten Werte des Jahres darstellt. Das gesamte Finanzierungsvolumen blieb jedoch aufgrund großer Transaktionen wie den 1 Milliarde US-Dollar von Revolut und den 800 Millionen US-Dollar von CEX relativ stabil. Dies unterstreicht die Polarisierung des Kryptoventure-Capital-Marktes mit dem Phänomen “viel Kapital, wenig Transaktionen”.

(Quelle: Galaxy Research)
Der Kryptoventure-Capital-Markt durchläuft derzeit einen tiefgreifenden strukturellen Wandel. Im Gegensatz zum Boom während des Bullenmarktes 2021 mit Hunderten kleiner Seed- und Angel-Investments konzentrieren sich die Gelder heute stark auf wenige große Finanzierungen etablierter Unternehmen. Dieser Wandel ist kein Zufall, sondern spiegelt einen grundlegenden Wechsel in der Risikobereitschaft der Investoren wider. Nach den Zusammenbrüchen von Luna, FTX und anderen großen Projekten agieren Venture-Capital-Firmen nun äußerst vorsichtig und investieren lieber große Summen in Unternehmen mit bewiesenem Geschäftsmodell, statt das Risiko bei Frühphasen-Start-ups einzugehen.
RootData zeigt, dass im November lediglich 57 Finanzierungsrunden gemeldet wurden – einer der niedrigsten Werte des laufenden Jahres. Noch besorgniserregender ist, dass dieser Abwärtstrend kein kurzfristiges Phänomen, sondern eine seit 2022 anhaltende Abschwächung ist. Untersuchungen von Galaxy Digital zeigen, dass Kapital und Aktivität im Kryptoventure-Bereich weit unter den Niveaus vergangener Bullenmärkte liegen – selbst bei einem Bitcoin-Kurs von über 90.000 US-Dollar.
Das gesamte Finanzierungsvolumen bleibt dennoch durch einige Großdeals relativ stabil. Die 1 Milliarde US-Dollar von Revolut und die 800 Millionen US-Dollar von CEX im Vorfeld des erwarteten Börsengangs machen einen Großteil der November-Finanzierungen aus. Diese “Elefanten-getriebenen” Deals lassen die Gesamtzahlen weniger schlecht erscheinen, verdecken aber die schwierige Lage für Frühphasen-Projekte.
Kapital konzentriert sich auf führende Unternehmen: Etablierte Player wie Revolut und CEX erhalten Finanzierungen im Milliardenbereich, Start-ups haben es schwer
Deutlicher Rückgang der Transaktionen: Im November wurden nur 57 Finanzierungsrunden abgeschlossen – Jahresrekordtief, deutlich weniger Seed- und Angel-Projekte
Starke Segmentierung: Mittel fließen vor allem in zentralisierte und dezentralisierte Finanzprojekte sowie in bewährte Bereiche wie NFT-GameFi
Sarah Austin, Mitgründerin der Real-World-Asset-Game-Plattform Titled, weist auf einen wichtigen Punkt hin: Zwar ist der Rückgang der Transaktionen teilweise auf das allgemeine Marktumfeld zurückzuführen, doch dieser Trend birgt langfristige Risiken. Sie sagte gegenüber Medien: “Letztendlich wird sich das negativ auf die gesamte Branche auswirken, denn gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden oft die besten Deals gemacht.”
Dieser Gedanke illustriert das aktuelle Paradoxon im Kryptoventure-Markt. Die Geschichte zeigt: Die erfolgreichsten Investments werden meist in Krisenzeiten getätigt. Technologiegiganten wie Amazon, Google oder Facebook erhielten ihre entscheidenden Finanzierungen nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Auch das CEX-Einhorn legte seinen Grundstein im letzten Bärenmarkt.
Der aktuelle Rückgang der Transaktionszahlen bedeutet, dass viele potenziell vielversprechende Frühphasenprojekte keine Finanzierung erhalten und somit möglicherweise die nächste revolutionäre Innovation ausbleibt. Wenn das Kapital weiter bei etablierten Unternehmen konzentriert wird, leidet die Innovationskraft der Branche. Noch gravierender: Die Marktdynamik könnte erstarren, die Dominanz der Platzhirsche zunehmen und neue Herausforderer hätten es schwer.
Darüber hinaus zeigt der Rückgang der Transaktionen den ungesunden Zustand des Kryptoventure-Ökosystems. Ein gesundes Ökosystem sollte eine Pyramidenstruktur haben: an der Basis viele Angel- und Seed-Projekte, in der Mitte Wachstumsunternehmen, an der Spitze wenige etablierte Player. Aktuell ist das Konstrukt jedoch eine umgedrehte Pyramide: Die Basis schrumpft stark, Ressourcen konzentrieren sich übermäßig an der Spitze. Diese Schieflage ist langfristig nicht tragfähig.
Trotz insgesamt geringer Aktivität konnten einige Projekte im November erfolgreich Kapital aufnehmen. Laut RootData lagen die meisten Deals in den Bereichen zentralisierte/dezentralisierte Finanzen und NFT-GameFi. Drei Beispiele zeigen die aktuellen Finanzierungstrends verschiedener Segmente:
Ostium sammelte 24 Millionen US-Dollar ein, um sein On-Chain-Perpetuals-Protokoll für Aktien, Rohstoffe, Indizes und Währungen außerhalb des Kryptomarkts zu erweitern. Das von ehemaligen Harvard-Kommilitonen gegründete dezentrale Perpetuals-Projekt erhielt Unterstützung von General Catalyst, Jump Crypto, Susquehanna International Group sowie Angel-Investments klassischer Finanzhäuser wie Bridgewater, Two Sigma und Brevan Howard.
Der Erfolg von Ostium zeigt das anhaltende Investoreninteresse an Projekten, die traditionelle Finanzmärkte mit Krypto verbinden. Das strategische Ziel von Ostium ist es, als führendes Perpetuals-Protokoll für Real-World-Assets zu agieren und mit Self-Custody-Infrastruktur den Zugang zu traditionellen Märkten zu erleichtern. Die Mittel sollen das Basissystem stärken, darunter Smart Contracts, Pricing-Infrastruktur und Liquiditäts-Engine zur Unterstützung höherer Volumina.
Das On-Chain-Yield-Protokoll Axis erhielt in einer von Galaxy Ventures angeführten Privatplatzierung 5 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen plant die Einführung eines On-Chain-Yield-Protokolls mit Exposure zu Bitcoin, Gold und US-Dollar. Weitere Investoren sind Maven 11 Capital, CMS Holdings und FalconX. Axis will mit dem Kapital seine transparente On-Chain-Infrastruktur für digitale Erträge weiterentwickeln und hat bereits 100 Millionen US-Dollar privates Kapital über seine Testplattform eingesetzt.
Das in Texas ansässige Start-up PoobahAI schloss eine Seed-Finanzierung über 2 Millionen US-Dollar ab, angeführt von FourTwoAlpha, einer auf frühe Investments in Ethereum und Cosmos spezialisierten VC-Firma. PoobahAI ermöglicht es Nutzern, ohne Programmierkenntnisse tokenisierte Web3-Netzwerke und KI-Agenten zu erstellen. Das aufstrebende AI-Web3-Ökosystem kombiniert Künstliche Intelligenz mit dezentraler Infrastruktur und gilt als Wegbereiter für autonomere, benutzerkontrollierte digitale Systeme.
Derzeit wird erwartet, dass die Flaute bis Ende 2025 anhält – eine Herausforderung und Chance zugleich für das gesamte Ökosystem. Die Herausforderung: Frühphasenprojekte finden kaum Investoren, Innovationen könnten ausbleiben, viele vielversprechende Ideen werden nicht realisiert. Die Chance: Das Umfeld filtert spekulative Projekte heraus und gibt wirklich wertvollen Innovationen die Möglichkeit, hervorzustechen.
Für Gründer bedeutet das einen höheren Eintrittslevel. Die Zeiten, in denen ein Whitepaper oder eine Idee für eine Finanzierung reichte, sind vorbei. Investoren erwarten heute funktionierende Produkte, Nutzerwachstum und belastbare Geschäftsmodelle. Dieser Wandel ist zwar hart, langfristig jedoch gesund für die Branche.
Für Investoren ist jetzt die beste Zeit, sich für die nächste Hausse zu positionieren. Die Geschichte zeigt: Investments im Bärenmarkt erzielen oft weit höhere Renditen als im Bullenmarkt. Doch die meisten VC-Firmen verharren abwartend – und könnten dadurch die besten Gelegenheiten verpassen.