In Zeiten rasanter geopolitischer Risiken zeigt Gold nicht die übliche starke Flucht in sichere Anlagen. Mit der anhaltenden Eskalation der militärischen Konflikte zwischen den USA, Israel und Iran sowie der Blockade des Hormuz-Straßenabschnitts fällt der Goldpreis von seinem Hoch zurück, was die bisherige Marktüberzeugung widerlegt.
Der Makro-Fondsmanager Michael McNair löste mit einem Analysebeitrag auf X (ehemals Twitter) eine breite Diskussion aus. Er weist darauf hin, dass der Goldmarkt bereits eine „Systemtransformation“ durchlaufen hat, bei der die Preisdynamik nicht mehr wie früher ausschließlich von Fluchtgewinnen getrieben wird.
Steigt Gold nicht mehr bei Kriegen? Anzeichen für eine ungewöhnliche Marktentwicklung
Seit dem 28. Februar, als die Eskalation des Konflikts begann, haben die USA und Israel militärische Aktionen gegen den Iran gestartet, der wiederum den strategisch wichtigen Hormuz-Straßenabschnitt blockiert – etwa 20 % des weltweiten Öltransports. Die Ölpreise schossen schnell über 100 USD pro Barrel, die Fluchtstimmung im Markt stieg deutlich.
Der Goldpreis stieg zeitweise an und erreichte kurzzeitig 5.400 USD. Bis zum 19. März fiel der Spot-Goldpreis jedoch auf etwa 4.850 USD und schwankte zwischen 4.800 und 5.200 USD, mit anhaltender Schwäche in dieser Woche.
Dieses Phänomen, dass in einem Hochrisikoumfeld die Goldpreise nicht steigen, sondern fallen, lässt den Markt die fundamentale Preisbildung von Gold neu hinterfragen.
McNair: Seit 2022 hat Gold sich von traditionellen Treibern gelöst
Michael McNair betont in seinem Beitrag, dass der entscheidende Wendepunkt im Goldmarkt nach der Einfrierung russischer Zentralbankreserven durch den Westen im Jahr 2022 kam. Dieses Ereignis schwächte das Vertrauen in US-Dollar-Assets und führte dazu, dass viele Länder ihre Devisenreserven neu ausrichteten.
Er ist der Ansicht, dass Gold zunehmend „entkoppelt“ von den drei bisherigen Kernfaktoren – Realzinsen, Marktvolatilität und Liquidität – und stattdessen von „Reserven- und Kapitalakkumulation“ dominiert wird.
Mit anderen Worten: Gold ist nicht mehr nur ein Fluchtinstrument, sondern ein Asset, das durch die Kapitalallokation von Leistungsbilanzüberschussländern beeinflusst wird und sogar eine gewisse „zyklische“ Tendenz zeigt.
Neue Kapitalflusssystematik: Leistungsbilanzüberschüsse treiben den Goldpreis
In diesem neuen Rahmen steigen bei wachsendem globalen Handelsüberschuss die Überschussländer dazu neigen, überschüssige Mittel in Nicht-USD-Assets zu investieren, wobei Gold einer der Hauptprofiteure ist.
Wenn jedoch diese Überschussquellen beeinträchtigt werden, sinkt auch die Goldnachfrage entsprechend.
Genau das ist derzeit der Fall. Die Blockade des Hormuz-Straßenabschnitts unterbricht den Ölexport, was die Einnahmen der Golf-Kooperationsrat (GCC)-Länder erheblich reduziert. Länder, die in den letzten Jahren aktiv Gold aufgestockt haben, könnten nun gezwungen sein, Käufe zu pausieren oder sogar Gold zu verkaufen, um fiskalischen Druck zu bewältigen.
Aufgrund der hohen Liquidität von Gold, das leicht zu liquidieren ist, übt dies zusätzlichen Druck auf die Preise aus.
Asiatische Kettenreaktion: China und regionale Volkswirtschaften sind ebenfalls betroffen
Neben den ölproduzierenden Ländern wirkt sich der Anstieg der Energiepreise auch auf China aus, den weltweit größten Ölimporteur. Das verlangsamte Wirtschaftswachstum schränkt die Handelsüberschüsse ein und schwächt die Fähigkeit, Devisenreserven aufzubauen.
Dieser Druck wirkt sich auch auf Südkorea, Taiwan und Japan aus, was die Mechanismen des Kapitalflusses in Gold in der Region schwächt.
McNair betont, dass die zentrale Widersprüchlichkeit des aktuellen Marktes darin besteht: Obwohl die geopolitischen Risiken auf einem Höchststand sind, werden die Kapitalquellen, die den Goldpreis stützen, gleichzeitig geschwächt – eine seltene Divergenz.
Verdeckte Kaufinteressen kühlen ab – Langfristiger Bullenmarkt bei Gold steht auf dem Prüfstand
In den letzten Jahren trugen auch Staatsfonds, halb-offizielle Institutionen und andere versteckte Kapitalströme dazu bei, den Goldpreis immer wieder auf neue Höchststände zu treiben. Diese Mittel flossen im Rahmen der „De-Dollarisierung“ kontinuierlich in den Goldmarkt.
Mit den Energie- und Liquiditätsbelastungen hat sich die Geschwindigkeit dieser langfristigen Kapitalzuflüsse jedoch deutlich verlangsamt, teilweise könnten sie kurzfristig sogar umkehren.
Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, allein durch Fluchtgewinne den Goldpreis weiter steigen zu lassen.
Langfristig bleibt die positive Grundhaltung bestehen, doch die Volatilität dürfte zunehmen
Trotz kurzfristiger Schwäche wird die langfristige Attraktivität von Gold nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Da die Welt allmählich ihre Abhängigkeit von US-Dollar-Assets reduziert, suchen Länder weiterhin nach alternativen Reserveinstrumenten, wobei Gold nach wie vor attraktiv bleibt.
Zukünftige Preisbewegungen werden jedoch enger mit globalen Wirtschaftszyklen, Handelsüberschüssen und Kapitalflüssen verknüpft sein, anstatt nur durch geopolitische Ereignisse getrieben zu werden.
Neugestaltung des Goldpreis-Systems – Investitionslogik muss aktualisiert werden
Derzeit zeigen die Konflikte zwischen den USA, Israel und Iran keine deutliche Entspannung. Der Markt beobachtet weiterhin, ob Kapital wieder in Gold fließt oder ob Liquiditätsdruck die Preisentwicklung dominiert.
McNair hebt eine entscheidende Veränderung hervor: Der Goldmarkt könnte eine neue Ära eingetreten sein. Für Investoren wird es künftig essenziell sein, diese „Systemtransformation“ zu verstehen, um ihre Asset-Allokation entsprechend anzupassen.
Dieser Artikel: „Gold als Fluchtwährung versagt? Analyst Michael McNair weist auf eine ‚Systemtransformation‘ hin, bei der die Goldpreise im Iran-Krieg gegenläufig fallen“ erschien zuerst bei ABMedia.