Warum SpaceX so stark fällt: SPCX unterschreitet den Schlusskurs des IPO am ersten Handelstag, die Marktkapitalisierung schrumpft um 400 Milliarden US-Dollar

Am 22. Juni (Ortszeit) schloss die SpaceX-(SPCX)-Aktie bei 154,6 US-Dollar, ein Tagesminus von 16,43%. Die Marktkapitalisierung schrumpfte um rund 4.000 Milliarden US-Dollar. Es ist bereits der dritte Handelstag in Folge, an dem die Aktie fällt. Seit dem 17. Juni beträgt das kumulierte Minus mehr als 23%, die Marktkapitalisierung ist kumuliert um über 6.000 Milliarden US-Dollar eingebrochen.

Der Kurs der SPCX-Aktie rutschte nicht nur unter den IPO-Tagesschlusskurs von 160,95 US-Dollar, sondern zog sich auch um mehr als 30% von dem am 16. Juni im Tagesverlauf erreichten historischen Hoch von 225,64 US-Dollar zurück. Handelt es sich bei diesem Kurssturz um eine kurzfristige Emotionsentladung oder um eine Neubewertung der Bewertungslogik?

Warum die Emission von Anleihen zum Auslöser des Kurssturzes wurde

Der direkte Auslöser für diesen Abverkauf war, dass SpaceX den Start einer erstmaligen Emission von Investment-Grade-Anleihen ankündigte. Laut dem bei der SEC eingereichten 8-K-Dokument hat SpaceX den Emissionsprozess für die ersten Senior Unsecured Notes gestartet; das Volumen der Beschaffung wird auf mindestens 200 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Erlöse sollen vor allem dazu genutzt werden, einen Kredit in temporärer Überbrückungsform in einer Größenordnung zurückzuzahlen, die nahezu dem Betrag entspricht: Dieser Kredit wurde im März dieses Jahres von SpaceX aufgenommen, um Verbindlichkeiten aus dem damaligen Twitter (jetzt X)- und xAI-Deal zu übernehmen.

Aus Sicht der Kapitalstruktur ist diese Fremdfinanzierung nur gut eine Woche nach dem IPO erfolgt. Das IPO selbst brachte SpaceX bereits eine Finanzierungswirkung in der Größenordnung von fast 860 Milliarden US-Dollar. Wenn man so rasch erneut in den Schuldenmarkt geht, führt das zu einer Neubewertung des Finanzierungsbedarfs durch den Markt. Analysten weisen darauf hin, dass die Netto-Schulden von SpaceX bis 2031 voraussichtlich um mehr als 4.000 Milliarden US-Dollar steigen werden – deutlich über dem Schuldenniveau nahezu aller US-Unternehmen.

Nach Bekanntgabe der Anleihen-Emission stieg ein ETF, der auf eine zweifache Short-Position gegen SpaceX setzt, an einem Tag um über 32%. Das spiegelt wider, wie schnell sich die Short-Positionierung im Markt formiert. Die zentrale Sorge der Investoren lautet: Warum muss ein Unternehmen, das gerade das größte IPO in der Geschichte der Menschheit abgeschlossen hat, sofort in großem Stil neue Schulden aufnehmen? Bedeutet das, dass die vorhandenen Mittel seine Expansionspläne nicht tragen können?

Können die Fundamentaldaten die aktuelle Marktbewertung stützen?

Die finanzielle Lage von SpaceX ist eine harte Einschränkung, der sich der Markt nicht entziehen kann. Laut öffentlich verfügbaren Daten belief sich der Nettoverlust für das gesamte Jahr 2025 auf 49,4 Milliarden US-Dollar; im ersten Quartal 2026 betrug der Umsatz 4,7 Milliarden US-Dollar, während der Nettoverlust weiter auf 4,3 Milliarden US-Dollar anstieg. Seit der Gründung im Jahr 2002 summieren sich die kumulierten Verluste von SpaceX auf etwa 41,3 Milliarden US-Dollar. In seinem Prospekt hat das Unternehmen Anlegern bereits darauf hingewiesen, dass es auch künftig möglicherweise nicht zu einem Gesamtgewinn kommen wird.

Bei einer Marktkapitalisierung von 2,02 Billionen US-Dollar entspricht das einem erheblichen Auseinanderklaffen zwischen Bewertung und Fundamentaldaten. Gemessen am Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt SpaceX nach dem Börsengang bei über 100 auf Basis des Umsatzes für 2025. Analysten von Barron’s hatten bereits vor dem IPO darauf hingewiesen, dass das Kurs-Umsatz-Verhältnis bezogen auf den erwarteten Umsatz für 2026 bei 40 liegt, während das EBITDA-Multiple bei 175 liegt.

Die Verluste stammen vor allem aus den Expansionskosten der KI-Geschäftslinie. Im Februar 2026 wurde xAI eingegliedert: Der operative Verlust in 2025 belief sich auf 6,36 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 betrug der operative Verlust 1,943 Milliarden US-Dollar, der Nettoverlust 4,276 Milliarden US-Dollar. Die Verlusthöhe entspricht damit fast dem Niveau des gesamten Jahres 2025. Das beschleunigte Wachstum der Kosten für den Ausbau von KI-Rechenzentren ist der entscheidende Belastungsfaktor. Zwar hat das Management für die Zukunft eine Ziel-Bruttomarge von 70% sowie eine Ziel-Netto-Gewinnmarge von rund 45% nach GAAP genannt, doch es wurden keine konkreten Zeitpunkte geliefert, wann diese Ziele erreicht werden sollen.

Warum die Bewertungsdebatte so extrem geworden ist

Die Bewertungskluft bei SpaceX ist mittlerweile auf ein seltenes Extremniveau gestiegen. Die Lücke zwischen Bullen und Bären spiegelt die besondere Preislogik des Unternehmens wider.

Auf Seiten der Bären hat Morningstar mittels Discounted-Cashflow-Modelle errechnet, dass der faire Wert von SpaceX nur 780 Milliarden US-Dollar beträgt – weniger als die Hälfte des IPO-Preises. Morningstar-Analysten argumentieren, dass das xAI-Geschäft ein „Wertvernichtungsfaktor“ werden könnte. Der Bewertungs-Experte Aswath Damodaran von der New York University verankert den fairen Wert bei 1,3 Billionen US-Dollar und hält die Schätzung von SpaceX zum KI-Marktvolumen von 26 Billionen US-Dollar für überzogen. Der bekannte Short-Seller Chanio Chernos zerlegt das Ganze zudem aus kommerzieller Logik: Der potenzielle Gesamtmarkt des Weltalls ist zwar unendlich, doch die Risiken der Unberechenbarkeit im All sind ebenfalls unendlich.

Auch auf der anderen Seite gibt es prominente Befürworter. Das interne Modell von ARK Invest zur Bewertung von SpaceX im Jahr 2030 ist äußerst optimistisch. ARK-Chef-Future-Analystin betonte, dass allein das Starlink-Geschäft SpaceX auf eine Bewertung von über 2 Billionen US-Dollar stützen kann. Der Kern liegt darin, dass Starlink im Bereich Low-Earth-Orbit-Satelliteninternet bereits erhebliche First-Mover-Vorteile sowie Skaleneffekte und Skalierungsbarrieren aufgebaut hat. Das Bull-Modell von Goldman Sachs erwartet, dass der Umsatz von SpaceX bis 2030 bei 474 Milliarden US-Dollar liegen kann.

Bis zum 16. Juni hatten sechs Analysten Research-Reports veröffentlicht: fünf empfahlen „Kaufen“, einer (CFRA) „Verkaufen“. KeyBanc gibt eine neutrale Bewertung mit „in etwa auf gleicher Höhe wie der Sektor“ ab und argumentiert, dass der größte Teil des langfristigen Werts bereits vom aktuellen Kurs eingepreist sei. Diese extreme Spaltung an sich bedeutet: Die Bewertung von SpaceX ist nicht mehr auf Basis der heutigen Finanzdaten zu verstehen, sondern als Wette auf eine zukünftige Vision.

Wie die Liquiditätsstruktur die Volatilität verstärkt

Die Liquiditätsstruktur in der Anfangsphase des Börsengangs ist eine Schlüsselvariable, um die heftigen Schwankungen in dieser Runde zu verstehen. Bei der Notierung entfielen tatsächlich nur etwa 4% der Aktien auf den frei handelbaren Streubesitz; der Rest unterliegt gestaffelten Lock-up-Phasen. Diese extrem dünne Liquidität hat eine klassische Zwei-Seiten-Logik: In den ersten drei Börsentagen schiebt die geringe Liquidität den Kurs stark nach oben – zeitweise nahe an 3 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung –, und wenn sich das Sentiment dreht, treibt dieselbe Liquiditätsstruktur den Abwärtsdruck ebenfalls schneller nach unten.

Zusätzlich wurde diese Wirkung durch die Beteiligung von Privatanlegern auf ein Rekordniveau verstärkt. Laut Vanda Research kauften Privatanleger in den ersten fünf Handelstagen nach dem Börsengang von SpaceX netto für 405 Millionen US-Dollar – ein Rekord für Privatanleger-Beteiligung bei IPOs der letzten Jahre. Der Einkaufsumfang der Privatanleger in der vergangenen Woche bei SpaceX übertraf sogar die Summe der Netto-Einkäufe der Privatanleger aller „Big Seven“ im selben Zeitraum im US-Aktienmarkt.

Ein Analyst von Jones Trading stellte fest: „Fast alle, die SpaceX kaufen wollten, sind in den ersten Tagen nach dem Listing reingegangen – und jetzt sieht es so aus, als sei die Kaufnachfrage deutlich erschöpft.“ Wenn neue Käufer ausbleiben und der Verkaufsdruck freigesetzt wird, macht die niedrige Liquidität den Preissetzungs- und Suchprozess besonders aggressiv.

Wie das makroökonomische Umfeld die Bewertung von hoch bewerteten Tech-Assets beeinflusst

Der Kurssturz von SpaceX ist kein isoliertes Ereignis, sondern findet vor dem Hintergrund eines breiteren Wandels im makroökonomischen Umfeld statt. Am 22. Juni fiel der Nasdaq um 1,32%, Google sank um knapp 5%, Amazon um mehr als 4% und Microsoft um mehr als 3%. Dass Tech-Giganten insgesamt unter Druck stehen, hängt mit der erwarteten Wende in der Geldpolitik der US-Notenbank zusammen.

Der Vorsitzende der US-Notenbank, Powell, hat in letzter Zeit klar zum Ausdruck gebracht, dass er gegen die Inflation ankämpfen will. Die neuesten Zins-Punktdiagramme zeigen: Von 18 Beamten, die Zinsprognosen eingereicht haben, erwarten 9, dass die Zinssätze bis Jahresende höher sein werden als aktuell – im klaren Gegensatz zu März, als noch kein Beamter eine Zinserhöhung prognostiziert hatte. Der Markt wettet derzeit darauf, dass die erste Zinserhöhung bereits im September erfolgen könnte. Die renditeempfindlichste Laufzeit für die Geldpolitik, die zweijährigen US-Staatsanleihen, stieg am Montag auf 4,23% und markierte damit ein neues Hoch seit mehr als einem Jahr.

Steigende Zinsen sind besonders ungünstig für hoch bewertete Tech-Aktien. SpaceX handelt mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von über 100, die Bewertung hängt also stark von der Abzinsung künftiger Cashflows ab – mit jeder Erhöhung der Zinsen um einen Prozentpunkt sinkt der Barwert der künftigen Cashflows entsprechend. In einem Umfeld, in dem Zinserhöhungs-Erwartungen zunehmen, verstärkt sich der Druck auf Neubewertungen für hoch bewertete Tech-Assets systematisch.

Welche Kernvariablen bei SpaceX in der Zukunft im Fokus stehen sollten

Zusammengefasst hängt der weitere Verlauf bei SpaceX von der Entwicklung mehrerer zentraler Variablen ab:

**Erstens: Der Kommerzialisierungsfortschritt von Starship.** Starship soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 in den kommerziellen Betrieb gehen. Das kommerzielle Gesamtbild von SpaceX hängt stark von einem stabilen Orbit-Einstieg von Starship ab; auch die anschließenden Starts und Deployments der Starlink-V3-Satelliten sind auf die Kapazität von Starship angewiesen. Jede technische Verzögerung kann die Bewertung erheblich treffen.

**Zweitens: Die Fähigkeit der KI-Geschäfte, Erlöse zu generieren.** SpaceX hat bereits Drittanbieter-Rechenleistungsverträge mit Anthropic und Google abgeschlossen, mit einem Gesamtwert von 75 Milliarden US-Dollar. Außerdem hat das Unternehmen kürzlich mit dem KI-Startup Reflection AI einen Vertrag geschlossen; angeblich kann das Unternehmen ab Juli monatlich 150 Millionen US-Dollar einnehmen, Laufzeit bis Ende 2029. Wie diese Verträge praktisch umgesetzt werden, wird ein wichtiger Maßstab sein, um die KI-Bewertungslogik zu prüfen.

**Drittens: Kosten und Timing der Fremdfinanzierung.** Moody’s und Fitch vergaben SpaceX jeweils Ratings von Baa1 und BBB+, beide liegen drei Stufen über dem Niveau „Junk“. In einem Umfeld steigender Zinsen werden die Kosten für große Fremdfinanzierungen direkt die Ertragskraft beeinträchtigen. Der Markt wird besonders darauf achten, wie die finale Anleihepreisbildung und die Zeichnungsnachfrage ausfallen.

**Viertens: Der Zeitplan der Freigaben aus Lock-up-Perioden.** Die 42% der von Musk gehaltenen SpaceX-Anteile sind bis Juni 2027 gesperrt. Doch mit der Zeit laufen die Sperrfristen weiterer Aktionäre sukzessive aus; möglicher zusätzlicher Verkaufsdruck ist eine wichtige, am Markt „hängende“ Variable.

**Fünftens: Der Starship-Flugtest am 29. Juni.** Das ist der am stärksten beachtete Ereigniszeitpunkt in der kurzen Frist. Die Testergebnisse beeinflussen direkt die Erwartungen des Marktes an den Zeitplan der Kommerzialisierung von Starship.

FAQ

F: Was ist der direkte Grund für den Kursrutsch von SpaceX in dieser Runde?

Die Ankündigung der ersten Ausgabe von Investment-Grade-Anleihen und ein Finanzierungsvolumen von mindestens 200 Milliarden US-Dollar war der direkte Auslöser. Der Markt sorgt sich darüber, warum ein Unternehmen nach dem Abschluss eines Rekord-IPO dennoch in großem Stil neue Schulden aufnehmen muss, was zu einer Neubewertung von Finanzierungsbedarf und Tragfähigkeit der Bewertung führt.

F: Wie sieht die finanzielle Situation von SpaceX aus?

Der Nettoverlust im Gesamtjahr 2025 beträgt 49,4 Milliarden US-Dollar, der Nettoverlust im ersten Quartal 2026 liegt bei 4,3 Milliarden US-Dollar. Seit der Gründung summieren sich die kumulierten Verluste auf etwa 41,3 Milliarden US-Dollar. Die Verluste stammen vor allem aus den Ausdehnungskosten für KI-Rechenzentren.

F: Warum gibt es bei der Bewertung von SpaceX so große Meinungsverschiedenheiten?

Bären halten den fairen Wert für nur 780 Milliarden US-Dollar (Morningstar) bis 1,3 Billionen US-Dollar (Damodaran); Bullen wiederum glauben, dass allein das Starlink-Geschäft eine Bewertung von über 2 Billionen US-Dollar tragen kann (ARK). Der Kern der Differenz liegt in unterschiedlichen Erwartungen an die KI- und die kommerzielle Raumfahrt-Perspektive des Unternehmens.

F: Wie wirkt sich geringe Liquidität auf den Kurs aus?

Zu Beginn sind nur etwa 4% der Aktien frei handelbar. Diese Struktur verstärkt in Aufwärtsphasen den Kursanstieg und in Abwärtsphasen ebenso die Abwärtsbewegung – besonders heftig ist der Prozess, sobald die Kaufnachfrage erschöpft ist und der Verkaufsdruck freigesetzt wird.

F: Welche Punkte sind für die weitere Entwicklung am wichtigsten?

Der Starship-Flugtest am 29. Juni, die finale Preissetzung und Zeichnungsnachfrage bei der Anleiheemission, der reale Fortschritt der KI-Rechenleistungsverträge sowie der potenzielle Verkaufsdruck durch das Auslaufen weiterer Lock-up-Perioden.

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