Das argentinische Ministerium für Human Capital hat am 22. Mai 2026 die Initiative „Gemelo Digital Social“ (Soziales Digitales Zwilling) angekündigt. Sie soll mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Auswirkungen sozialer Maßnahmen vor deren Umsetzung simulieren. Präsident Javier Milei stellte das System über X vor und bezeichnete es als „eine Paradigmenänderung in der Sozialpolitik“. Das System bündelt Daten aus staatlichen und privaten Quellen, um Szenarien zu simulieren, politische Auswirkungen vorherzusehen und Entscheidungen in Echtzeit zu optimieren – mit dem erklärten Ziel, Argentinien von einem „reaktiven Zustand“ zu einem „prädiktiven Zustand“ zu bringen, der Armut modellieren, die Effekte von Subventionen nachverfolgen und die Entwicklung des Humankapitals abbilden kann. Allerdings wurde das Werbevideo, das zur Ankündigung der Initiative veröffentlicht wurde, sofort wegen mehrerer Fehler und Unstimmigkeiten kritisiert. Das löste landesweite öffentliche Spöttelei aus und führte zu formaler politischer Prüfung des Regelwerks zur System-Governance sowie der Datenschutzprotokolle.
Fehler im Werbevideo lösen öffentliche Spöttelei aus
Das Ankündigungsvideo enthielt mehrere grammatikalische und Rechtschreibfehler, die der behaupteten prädiktiven Leistungsfähigkeit des Systems widersprachen. Bei der Marke 0:35 zeigte eine Grafik „MULTIPLES FUENTES“ ohne das erforderliche Akzentzeichen auf „múltiples“. Bei 0:54 stellte eine Vollbild-Erklärung fest „PRIMER SISTEMA QUE AYUDA PREDICIR EL FUTURO“ – wobei das Präposition „a“ vor dem Verb weggelassen und „predecir“ als „predicir“ falsch geschrieben wurde.
Das Video zeigte außerdem einen KI-generierten Avatar der Ministerin Sandra Pettovello, eine singapurische Flagge und ein sichtbares Amazon AWS-Logo. Der Tech-Kommentator Maximiliano Firtman fasste die Probleme auf X zusammen: „Grammatik- und Rechtschreibfehler, eine falsche Ministerin präsentiert mit Hologrammen, singapurische Flaggen, Amazon AWS-Logo, eine furchtbare Rede.“
User @pablomen0 postete spöttisch: „No predijo los errores de ortografía“ („Es hat die Rechtschreibfehler nicht vorhergesagt“).
Politischer Gegenwind und Bedenken zur Governance
Der Oppositionssenator Agustín Rossi reichte eine formelle Informationsanfrage ein, die Transparenz zur gesetzlichen Grundlage des Programms, zu Datenschutzmaßnahmen und zu Garantien für Bürgerrechte verlangte. „Die Zukunft darf nicht zu Überwachung der Bürger werden“, schrieb Rossi auf X. Mileis Regierung hat die Governance-Frage bislang nicht öffentlich beantwortet.
Datenschutzexperten stellten strukturelle Bedenken gegen die Initiative in den Raum. Analyst Julián Roô sagte: „Argentinien wird zur Laborratte, um zu analysieren, wie eine Gesellschaft funktioniert, wenn Algorithmen Bürger nach Risiko, Produktivität oder Verhalten klassifizieren. Ab heute bewegt sich Argentinien von Sozialpolitiken, die hauptsächlich auf menschlichen Entscheidungen basieren, hin zu automatisierten prädiktiven Systemen, die mit KI und Big Data gefüttert werden.“
Eine massenhafte Aggregation realer Daten über argentinische Bürger erfordert rechtlich strenge Protokolle zur Anonymisierung. Ein solches Rahmenwerk wurde vom Ministerium für Human Capital nicht angekündigt.
Die formelle Informationsanfrage von Senator Rossi ist weiterhin offen.