Welle von Investitionen in die KI-Infrastruktur erfasst weltweit die Märkte, doch die Branche befindet sich gerade in einem neuen Wendepunkt. Das Marktforschungsunternehmen Citrini Research weist in der neuesten Ausgabe seines Berichts „Semis Memo: Supply Chain Inheritance“ darauf hin, dass die Investitionslogik für KI-Bauwerke sich von der intuitiven Idee „GPU kaufen“ hin zu einer komplexeren Phase „Neubewertung von Strom-Infrastruktur und Lieferketten“ entwickelt hat. In diesem Artikel werden die Kernthesen von Citrini vertieft analysiert und erläutert, wie Anleger darauf basierend ihre Portfolios aufbauen sollten.
Von der ersten Welle zur zweiten Welle: Wie sich die Logik für KI-Lieferketteninvestitionen verändert
Citrini geht zunächst auf die Logik der ersten Welle von KI-Infrastruktur-Deals ein: LLMs benötigen GPUs, das Wachstum der Rechenleistung treibt den Bedarf an optischen Interconnects an, und schließlich fließt die KI-Nachfrage zu den Speicheranbietern. Diese Logik ist anschaulich und leicht verständlich, doch Citrini ist der Ansicht, dass sich der Markt jetzt grundlegend verändert.
Um die Märkte in den kommenden Jahren wirklich zu schlagen, müssen Anleger nicht „offensichtliche Erstprofiteure“, sondern die zweiten Engpässe der Lieferkette (second-order bottlenecks) verstehen:
Wie wird die Stromarchitektur aufgerüstet? Welche Komponenten werden zum neuen Engpass bei Angebot und Nachfrage? Welche Produktionskapazitäten oder Lieferketten wurden bereits von anderen Branchen aufgebaut und warten nun darauf, dass KI sie übernimmt?
Was ist Supply Chain Inheritance (Lieferkettenvererbung)?
Der wichtigste Teil dieses Reports liegt in dem Kernkonzept „Supply Chain Inheritance“. Die Sichtweise und Logik von Citrini lautet wie folgt:
KI-Rechenzentren bewegen sich hin zu 800V-DC-Schrank-Stromarchitekturen, um der stetig steigenden Nachfrage nach Leistungsdichte gerecht zu werden.
Die kritischen Materialien, auf die diese Architektur angewiesen ist, sind „Wide-bandgap Semiconductors“ (Halbleiter mit großer Bandlücke), vor allem Siliziumkarbid (SiC) und Galliumnitrid (GaN). Die entsprechenden Kapazitäten und Lieferketten wurden bereits durch Elektrofahrzeug- und Solarenergie-Industrien massiv vorangetrieben und gelten als relativ ausgereift.
Wenn die KI-Capex dann zur neuen Nachfragerunde wird, muss sie nicht abwarten, bis sich EV oder Solarenergie zeitgleich erholen – KI kann diese bestehenden Fertigungssysteme und Kostenvorteile direkt „vererben“.
Citrini betont, dass eine Schwäche bei der Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und Solarenergie nicht bedeutet, dass der Wert der SiC- und GaN-Lieferketten verloren geht. KI könnte eine stärkere zweite Nachfragerunde liefern, sodass diese wichtigen Rohstoffanbieter neu bewertet werden. So ähnlich wie beim Würzstoffhersteller und zugleich global größten Anbieter von ABF-Aufdampfschichten, Ajinomoto, sowie bei bekannten Sanitärmarken wie TOTO.
(ABF-Board-Preissprung steht bevor! Ajinomoto plant Preiserhöhung um 30%, die drei taiwanesischen Board-Schwergewichte setzen im April mit Umsatzrekorden ein)
Obere Engpässe: Lange Lieferzeiten bei traditionellen Transformatoren – Festkörpertransformatoren (SST) als Lösung
Citrini verweist darauf, dass mit der Beschleunigung des KI-Rechenzentrumsbaus die Lieferzeiten traditioneller Kerntransformatoren zu einem der zentralen Engpässe für den Ausbau extrem großer Cloud-Anbieter geworden sind.
Als nächsten möglichen technologischen Wendepunkt nennt er „Solid-State Transformer (SST)“: SST nutzt SiC-Hochfrequenz-Schalter und wandelt direkt Mittelspannungs-AC in 800V-DC um. Im Vergleich zu herkömmlichen Geräten bietet SST Vorteile wie kurze Lieferzeiten, geringe Baugröße und die Möglichkeit, bidirektional Strom zu übertragen. Große Hersteller wie das US-Unternehmen Eaton (NYSE: ETN), der schwedische Konzern ABB (SWX: ABBN) und der deutsche Siemens (ETR: SIE) treiben dieses Feld ebenfalls voran.
Citrini weist jedoch auch darauf hin, dass die Assets, die derzeit am reinsten davon profitieren könnten, sich bei den meisten noch im Private- oder Startup-Stadium befinden und daher in der Preisbildung des öffentlichen Markts noch nicht ausreichend reflektiert sind.
Untere Engpässe: VRM steht vor dem „thousand-amp problem“, der Wert pro GPU steigt deutlich
Im Inneren des Schrankes fokussiert Citrini auf das „Voltage Regulator Module (VRM)“. Während die GPU-Leistung weiter steigt, sinkt jedoch die Kernspannung kontinuierlich. Das VRM muss daher bei extrem niedrigen Spannungen sehr hohe Ströme ausgeben und gleichzeitig die Stabilität und Integrität des Systems aufrechterhalten.
Das ähnelt dem elektrotechnischen „thousand-amp problem“, und er prognostiziert, dass sich dieses bis 2027 zu einem „three thousand-amp problem“ entwickeln wird.
Citrini sieht als Lösung vor, auf eine Multi-Phase-Parallelausgangsversorgung zu setzen. Das bedeutet aber auch, dass die Zahl der Komponenten pro KI-Server deutlich steigt – darunter Controller, Induktoren und passive Bauteile –, was wiederum den enthaltenen Wert pro GPU oder Server erhöht.
(Leitfaden Fusion Branchenreport: Wird sich das 2026er „Knappheitssturm“-Szenario bei passiven Bauteilen als Kopie der AI-Speicherknappheit wiederholen?)
Wie findet man Investitionsmöglichkeiten? Citrini legt vier Stufen der Lieferkette offen
Citrini teilt die Investitionsmöglichkeiten in die gesamte KI-Strominfrastruktur in vier Ebenen ein und bietet Anlegern so ein systematisches Auswahl-Framework:
Tier 1 (am Kernpunkt): Wide-bandgap-Halbleitermaterialien (SiC/GaN) sowie dazugehörige Kapitalausrüstung. Citrini ist der Ansicht, dass dieser Bereich vom Markt noch nicht ausreichend über „KI-Wertübertragung“ neu bewertet wurde und daher ein höheres Potenzial für überdurchschnittliche Renditen bietet.
Tier 2: Anbieter von Strom-Halbleitern im weiteren Sinne sowie spezialisierte Anbieter für VRM. Mit jedem Generations-Upgrade von KI-Servern steigt die Nachfrage nach solchen Komponenten in hoher Dichte.
Tier 3: Komponenten des Stromversorgungssystems, darunter Netzteile (PSU), Busbar (Busschienen), Interconnect-Module usw. Citrini ist der Ansicht, dass diese Ebene vom Markt bereits relativ erkannt wurde, die Nachfrage aber weiterhin wächst.
Tier 4: Stromversorgungssysteme und Mittelspannungs-Infrastruktur im Rechenzentrum, einschließlich Stromversorgungsmodulen, Schaltanlagen und SST-Ersatzthemen.
Wie filtert man Investment-Titel? Hinweise aus dem Citrini-Report
Im Report nennt Citrini zudem mehrere Einzeltitel und Fallbeispiele. Wenn man sie nach der Lieferketten-Schichtung klassifiziert und nur Tier 1 und 2 auswählt, ergibt sich folgende Liste:
Wolfspeed (NYSE: WOLF): Als typisches Beispiel für die Wertübertragung in einer Tier-1-KI-Lieferkette hat das Unternehmen den Ausbau der SiC-Kapazitäten angesichts des Elektrofahrzeug-Trends aktiv vorangetrieben. Aufgrund ausbleibender Nachfrage kam es jedoch zu einer Insolvenz und Restrukturierung. Citrini ist der Ansicht, dass die bestehenden physischen Produktionskapazitäten unter KI-Infrastruktur-Nachfrage wieder an Wert gewinnen könnten. Die Bewertungslogik könnte sich hin zu einer „nicht ersetzbaren KI-Infrastruktur-Lieferanten“-Rolle verlagern.
Monolithic Power Systems (NASDAQ: MPWR): Einer der wichtigsten Anbieter im VRM-Markt der Tier-2-Ebene und gilt als Kernprofiteur für Stromversorgungs-Module von KI-Servern.
Vicor (NASDAQ: VICR): Bietet factorisierte und vertikale Stromarchitektur-Lösungen und gehört zu einem weiteren technischen Pfad für VRM. Dies bietet mehr Flexibilität, aber die Marktdurchdringung sollte genau beobachtet werden.
STMicroelectronics (NYSE: STM) / Onsemi (NASDAQ: ON) / Infineon (ETR: IFX): Allesamt wichtige Anbieter von SiC/GaN-Wafern und Strom-Halbleitern. Sie passen ebenfalls zur Erzählung von Citrini, dass sich die Elektrofahrzeug-Lieferkette in Richtung KI-Nachfrage verschiebt.
Wie bauen Anleger mithilfe dieses Reports ein Portfolio auf?
Am Ende liefert Citrini Anlegern die folgenden operativen Hinweise und Logikprinzipien:
Nicht nur auf KI-Chips setzen, sondern nach Profiteuren von 800V-Stromleitungen suchen: Die eigentlichen strukturellen Chancen liegen im Pfad der Stromumwandlung, nicht nur in der Rechenleistung selbst.
Priorität auf Wide-bandgap-Halbleiter und die Strom-Übertragungskette legen (SiC/GaN, VRM, Strom-Umwandlungsinfrastruktur): Diese Anbieter waren historisch an Elektrofahrzeuge und industrielle Nachfrage gebunden. Doch KI-Capex wird gerade zur zweiten Nachfragerquelle.
Risiken über die Tier-Einteilung steuern: Tier 1 hat weiterhin das größte Potenzial für Neubewertungen, ist aber auch volatiler; Tier 3 und 4 sind relativ bereits vom Markt bepreist und eignen sich eher für eine konservative, langfristige Allokation.
Die Landkarte der KI-Infrastruktur-Lieferkette wird neu gezeichnet
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Citrini-Report ist: Die Investitionsrichtung der KI-Infrastruktur hat sich von „Wer besitzt die meiste Rechenleistung“ hin zu „Wer kann die realen Engpässe bei Stromübertragung und -umwandlung lösen“ verlagert. Die Produktionskapazitäten und vollständigen Lieferketten aus der Elektrofahrzeug-Ära könnten von der KI-Industrie auf eine Weise übernommen und wiederverwendet werden, die der Markt noch nicht eingepreist hat.
Für Anleger könnte die echte Chance auf überdurchschnittliche Renditen darin liegen, zunächst von den heißesten KI-„Top“-Aktien Abstand zu nehmen und stattdessen nach jenen Anbietern von Schlüsselmaterialien und Strominfrastruktur zu suchen, die still auf die „KI-Lieferketten-Wertübertragungs“-Welle warten.
(Dieser Artikel wurde aus dem Citrini Research-Report zusammengestellt und stellt keine Anlageberatung dar)
Wo liegt die nächste Welle der KI-Infrastruktur? Citrini-Report zeigt „SiC, GaN und Strom-Infrastruktur“ als neue Investitionsrichtung auf. Zuerst erschienen bei Kettennews ABMedia.
Related News
US-Banken rüsten sich für den Tokenisierungs-Durchbruch, wie Moody’s Ratings feststellt
Anthropic verhandelt eine Finanzierung in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar, die Bewertung könnte die Marke von 900 Milliarden durchbrechen und damit die Herausforderung für den bisherigen AI-Markthöhepunkt darstellen
Cerebras-IPO treibt die Lieferkette an: Vicors Strom-Story und AI-Power-IP-Lizenzthema
Jim Cramer: AI-Datencenter-Aktien „noch nicht ganz zu spät“, die Liste umfasst Chips bis zu Strom in 4 großen Kategorien
Die Marktkapitalisierung von Alphabet kommt Nvidia immer näher, GOOG ist innerhalb eines Jahres um über 150% gestiegen – kann man jetzt noch kaufen?